Als Maßschneiderazubi in Venedig!

Im Rahmen meiner Ausbildung zur Maßschneiderin am Staatstheater Braunschweig habe ich im März 2019 an einem 3 wöchigen Auslandspraktikum nach Italien teilgenommen. Organisiert und ermöglicht wurde mir das ganze von der Handwerkskammer Braunschweig- Lüneburg- Stade in Zusammenarbeit mit Eurocultura - einer Italienischen Organisation und finanziert von Erasmus +.

Erasmus + ist ein Bildungsprogramm der EU und fördert Aktionen wie zum Beispiel solche Auslandspraktika. Das bedeutet, dass sie den Großteil der Kosten, die bei diesem Praktikum für mich angefallen sind, übernommen haben und ich nur einen kleinen Eigenanteil übernehmen musste.

Am 10.03.2019 ging es für mich mit 11 anderen Auszuboildenden aus unterschiedlichsten Berufen los nach Italien, genau genommen nach Vicenza, eine kleine Stadt in Venetien, ca 70. Km von Venedig entfernt.

Die Italienische Organisation Eurocultura organisierte uns vorab Unterkünfte bei Gastfamilien und suchte für uns passende Betriebe in Vicenza und Umgebung . Da ich in Deutschland in einem Theaterbetrieb arbeite, wollte mir die Organisation ermöglichen einen gleichwertigen Betrieb in Italien kennenzulernen und fand für mich letztendlich einen Betrieb in Venedig!

Ich hatte die Ehre in Venedig bei einem renommierten, weltweit bekannten Kostümbildner arbeiten zu dürfen. Das Atelier heißt Atelier Nicolao und fertigt Kostüme für große Theaterproduktionen wie zum Beispiel in Venedig, Verona oder Rom an. Aber auch große Ballettstücke in Südkorea wurden von ihm ausgestattet. Außerdem wurden Kostüme für  Filmproduktionen wie zum Beispiel „Fluch der Karibik“, „Twilight“ oder „Casanova“ im Atelier Nicolao gefertigt.

Da ich Mitte März zum Arbeiten in das Atelier kam, war der bekannte Venezianische Karneval gerade vorbei und meine erste Aufgabe war es, die historischen Kostüme, die das Atelier zum Karneval verliehen hatte, durchzuschauen und eventuell zu reparieren. Dort kam ich zum ersten Mal mit den hochwertigen und wunderbaren Materialien in Berührung, die dort verarbeitet werden. In den nächsten Wochen durfte ich einige Kleinteile herstellen, wie zum Beispiel Taschenpatten und Ärmel für ein traditionell gearbeitetes Justaucorps aber auch den anderen Schneidern bei der Herstellung von historischen Damengewändern über die Schulter schauen. Was mich ganz besonders in diesem Atelier inspiriert hat, war die Leichtigkeit mit der die Schneider alles genommen haben. Im Hintergrund lief Tag ein Tag aus fröhliche italienische Musik, zu der alle mitgeträllert oder gepfiffen haben. Es gab für alles eine Lösung und wenn diese Lösung nicht gelang, wurde kurzerhand eine weitere kreative Lösung gefunden. Es wurde jedes kleinste Detail selbst hergestellt. Es gab verschiedenste Varianten von Borten, Schleifen und Bändern. Viele Damengewänder wurden mit Perlen, Fransen und Schleifchen verziert. Es war einfach toll, an einem so kreativen und inspirierenden Ort arbeiten zu können.

Anfang der dritten Woche fand eine Ausbilderhospitation statt. Es kamen für 4 Tage einige Meister/Ausbilder von uns Auszubildenden zusammen mit einer Organisatorin der Handwerkskammer Braunschweig – Lüneburg – Stade - aus Deutschland .Sie besuchten uns unter anderem im Betrieb und wir konnten ihnen einen kleinen Einblick in unseren Alltag in Italien geben. Das war sehr schön und ich bin sehr glücklich darüber, dass meine Ausbilderin dabei war und ich diese Erfahrung mit ihr teilen kann.

Die Kommunikation hat im Großen und Ganzen wunderbar funktioniert. Man sagt ja immer die Italiener sprechen mit Händen und Füßen und ja – das ist auch wirklich so! trotz der Sprachbarriere konnte man sich gut verständigen und die Kommunikation mit Einheimischen oder in der Gastunterkunft hat gut funktioniert.

Natürlich hat man im Vorfeld ein bisschen Angst und Respekt davor, in einem fremden Land mit fremder Sprache zu arbeiten, aber man wächst mit seinen Aufgaben und wird dadurch sehr viel selbständiger. Die Italiener sind alle super freundlich und haben Verständnis dafür, dass man ihre Sprache nicht zu 100% beherrscht. Wie gesagt, mit Händen und Füßen klappt alles.

Ich kann jedem, der diese Chance hat eine solche Erfahrung machen zu können nur ans Herz legen: tu es! Du wirst es nicht bereuen.

Johanna Krafczyk, Klasse XMS-16